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Aufrechter des Tages: Ofer Cassif

Von Jakob Reimann

junge Welt vom 09.01.2024

Dass da in Gaza vor den Augen der Welt dauerhafte Vertreibung, wenn nicht gar Genozid stattfindet, ist mittlerweile – die israelische Regierung macht überhaupt keinen Hehl daraus – kaum mehr zu leugnen: Mit Kampfjets, Drohnen und Artillerie werden die Menschen aus dem Norden ins Zentrum und schließlich weiter in den bombensicheren Süden gescheucht. Von dort sollen sie dann, so die jüngsten kolonialen Hirngespinste von Netanjahus Verbrecherclique, weiter nach Tschad, Kongo und Ruanda freiwillig zwangsdeportiert werden.

Südafrika hat wegen des »Völkermords« Klage beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag eingereicht und erhält dafür nun Unterstützung von unerwarteter Seite: vom Knesset-Abgeordneten Ofer Cassif, der auf X ankündigte, sich der Klage Pretorias anzuschließen. Cassif ist zwar ein dezidierter Linker, doch erfordert es im ultranationalistischen Klima dieser Tage in Israel – wo Marxisten auch vor dem 7. Oktober bereits wie Staatsfeinde verteufelt wurden – ein Rückgrat aus verdichtetem Mondgestein, um sich derart offen gegen das Militär und die »faschistische Regierung« (Cassif) zu stellen. Seine »verfassungsmäßige Pflicht« gelte »der israelischen Gesellschaft« und nicht einer Regierung, die zu »ethnischer Säuberung und sogar zu Völkermord« aufrufe. Er werde »den Kampf um unsere Existenz als moralische Gesellschaft nicht aufgeben«, das sei »wahrer Patriotismus«, rechtfertigt Cassif seinen mutigen Schritt mit dem wohl notwendigen apolitischen Geschwafel.

Im Knesset-Establishment kommt das alles erwartbar trotzdem nicht gut an: 70 von 120 Abgeordneten unterstützen bereits ein Amtsenthebungsverfahren und der ehemalige Minister Oded Forer wünscht sich für Cassifs Weg des internationalen Rechts gar dessen Rausschmiss aus Israel: Nicht das unaussprechliche Verbrechen, sondern der, der es ausspricht, ist bekanntlich das wahre Problem.


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Junge Welt vom 05.01.2024

Nasrallah spricht

Rede von Hisbollah-Generalsekretär in Beirut: General Soleimani gewürdigt, Warnungen an IsraelVon Karin Leukefeld, Damaskus

Bei einer Gedenkfeier für den iranischen General Kassem Soleimani in Beirut hat der Generalsekretär der libanesischen Hisbollah, Hassan Nasrallah, die Toten, die im Kampf für die Freiheit ihrer Länder zu Märtyrern geworden seien, gewürdigt. Zum vierten Jahrestag der Ermordung des Kommandeurs der Kuds-Einheit der Iranischen Revolutionsgarden am Mittwoch abend erklärte Nasrallah, der Krieg gegen Gaza habe die militärische, politische und moralische Schwäche der Zionisten und der USA offenbart. Sollte Israel einen »totalen Krieg« gegen den Libanon beginnen, werde es das »sehr, sehr teuer bezahlen«. Soleimani war am 3. Januar 2020 kurz nach seiner Ankunft am Flughafen von Bagdad durch eine US-gesteuerte Drohne getötet worden. Mit ihm starben Abu Mahdi Al-Muhandis, Brigadegeneral der Volksmobilisierungskräfte im Irak, Al-Haschd Al-Schaabi, und alle Begleiter der beiden hochrangigen Militärs.

Nasrallah begann seine Rede mit Glückwünschen an die Gläubigen zu Weihnachten, der Geburt des Propheten Jesus sowie für das neue Jahr. Er würdigte die Toten in Gaza, in den besetzten palästinensischen Gebieten im Westjordanland, Iran, Irak, Syrien und im Libanon. Ausdrücklich hob Nasrallah die Kommandeure und ihre jeweiligen Begleiter, die von den USA und Israel mit gezielten Angriffen getötet worden waren, als enge Verbündete und Brüder hervor: Neben den beiden vorgenannten traf es im Dezember Radhi Al-Mussawi in Damaskus und zuletzt am Dienstag abend den stellvertretenden Vorsitzenden der Hamas, Saleh Al-Aruri, in der libanesischen Hauptstadt. Der Mord Israels an Al-Aruri und seinen Mitstreitern sei ein Angriff sowohl auf die Hamas als auch auf den Libanon gewesen. Der Anschlag im Herzen von Südbeirut sei der erste Angriff im Libanon seit dem Krieg 2006 und sehr gefährlich. Der Mord werde mit Sicherheit beantwortet werden.

Ausführlich würdigte Nasrallah General Soleimani, der alles getan habe, um die Widerstandsgruppen in der Region zu unterstützen und ihre Selbständigkeit zu fördern. Er habe die Kommunikation zwischen den Gruppen im Irak, Syrien, Libanon, Palästina und im Jemen gefördert und so zur Bildung der »Achse des Widerstandes« beigetragen. Die Vertreibung der US-Besatzungstruppen aus dem Irak 2011 habe er maßgeblich unterstützt. Dabei habe jede der Widerstandsgruppen entsprechend den Bedingungen im eigenen Land und selbständig operiert, betonte der Generalsekretär.

Die Standhaftigkeit des Widerstandes gegen den zionistischen Feind in Gaza stärke die Kämpfer und mache sie entschlossener, so Nasrallah. Zu den guten Ergebnissen gehöre, dass die gerechte Sache der Palästinenser wieder auf der Tagesordnung stehe und weltweit große Unterstützung erhalte. Israel habe sich politisch und moralisch entlarvt, jeder sehe, wie Israel das internationale Recht breche. Das gleiche gelte für die USA. Die geplante »Normalisierung« zwischen arabischen Staaten und Israel sei unterbrochen worden. Der Widerstand habe die Abschreckungsfähigkeit und die mediale Überlegenheit Israels zerstört.

An Israel gewandt, erklärte Nasrallah, die Hisbollah habe ihre militärischen Operationen zur Unterstützung der Palästinenser »angesichts des zionistischen Krieges gegen Gaza« begonnen. Es seien abgewogene Angriffe, die den nationalen Interessen des Libanon entsprächen. Die Hisbollah sei damit einem »Überraschungsangriff« der israelischen Armee zuvorgekommen. Sollte Israel aber einen »totalen Krieg gegen den Libanon beginnen, werde es für den Widerstand (Hisbollah) keine Grenzen geben«.

Israelische und deutsche Medien interpretierten diese Aussage als Kriegsdrohung gegen Israel. Die israelische Tageszeitung Jediot Acharonot berichtete am Donnerstag, die Stadtverwaltung von Haifa – etwa 35 Kilometer von der libanesischen Grenze entfernt – habe beschlossen, die städtischen Bunker für die Bevölkerung zu öffnen. Das Auswärtige Amt in Berlin verschärfte seine Sicherheitswarnung für den Libanon und forderte alle Deutschen in dem Land zur Ausreise auf. Die USA, Kanada und Schweden trafen ähnliche Vorkehrungen.


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Junge Welt vom 04.01.2024

Nordkorea macht Schluss mit Südkorea

Pjöngjang: Arbeiterpartei bricht auf Kongress mit Versöhnungspolitik. Seoul verstärkt Provokationen

Von Martin Weiser, Seoul

Die beiden koreanischen Staaten seien nun vollständig zu verfeindeten Ländern und zu Kriegsgegnern geworden. Dies hat der Generalsekretär und Präsident der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK), Kim Jong Un, auf dem Jahresendplenum der regierenden Arbeiterpartei betont, das vom 26. bis 30. Dezember abgehalten wurde. Entsprechend müsse man eine neue Position zum Süden und zur Frage der Wiedervereinigung einnehmen.

Kims harsche Worte folgten auf die Suspendierung eines erst 2018 geschlossenen Militärabkommens durch den südkoreanischen Präsidenten Yoon Suk Yeol Ende November. Darin war die Einstellung aller feindlichen Handlungen vereinbart worden. Yoon hatte jedoch unter Verweis auf Nordkoreas erfolgreichen Start eines Aufklärungssatelliten einseitig einen Artikel zum Flugverbot an der Grenze »ausgesetzt«, und Pjöngjang hatte am darauffolgenden Tag klargestellt, dass damit auch der Rest des Abkommen hinfällig sei. Bereits vor Amtsantritt 2022 hatte Yoon klargemacht, dass er nicht vorhabe, sich an die Übereinkunft zu halten. Die DVRK ist für ihn der »Hauptfeind«, und das erste »Weißbuch« unter seiner Regierung im Februar vergangenen Jahres hat das Wort direkt aufgenommen. Entsprechend aggressive Militärübungen folgten, und am 18. Dezember ließ das neu besetzte Verteidigungsministerium wissen, dass auch Attentate auf Kim Jong Un geprobt würden. Nordkorea reagierte auf die Provokationen mit der Erstellung von Plänen für nukleare Angriffe nicht nur auf US-Basen, sondern auch auf die Schaltstellen der südkoreanischen Regierung und ihres Militärs.

Kim verwies auf dem Plenum außerdem auf die mehr als fünf Jahrzehnte seit 1972, in denen sich die Beziehungen zwischen beiden Koreas nie aus einer endlosen Wiederholung von Dialog und Konfrontation befreien konnten. Letztlich hätten selbst unter weniger rechten Regierungen als der gegenwärtigen die US-Marionetten im Süden die DVRK zerstören wollen. Die Vorgängerregierung unter Präsident Moon Jae In von der Demokratischen Partei unterzeichnete etwa 2018 das Militärabkommen, weigerte sich dann aber trotz wiederholter Appelle, Manöver mit den USA einzustellen. Ein Ende dieser Übungen war seit Jahrzehnten von Pjöngjang als fundamentale Bedingung für eine Verbesserung der Beziehungen genannt worden. Genausowenig wollte Moon aus Angst vor US-Sanktionen die wirtschaftliche Zusammenarbeit wiederbeleben und die Sonderwirtschaftszone in Kaesong wiedereröffnen.

Pjöngjang versuchte in einer Salamitaktik, die Moon-Regierung umzustimmen, aber weder die Zerstörung des gemeinsamen Verbindungsbüros in Kaesong im Juni 2020 noch die Androhung im darauffolgenden Jahr, das staatliche Komitee für friedliche Wiedervereinigung aufzulösen, zeigten Wirkung. Die fundamentale Abkehr vom Süden kommt also nicht aus dem Nichts. Teil der neuen Linie Pjöngjangs ist unter anderem die Schließung oder zumindest Reform von Institutionen wie der Einheitsfrontabteilung der Partei. Am 1. Januar lud Nordkoreas Außenministerin Choe Son Hui bereits die entsprechenden Kader zum Gespräch.

Der südkoreanische Präsident reibt sich unterdessen die Hände und verkauft seinen Wählern die neue Tonlage im Norden als Kriegstreiberei. Deswegen müsse man noch härter werden, mehr Waffen kaufen, noch mehr Militärübungen abhalten und auch die Freunde der DVRK im eigenen Land ausschalten. Nur drei Monate vor den nächsten Parlamentswahlen im Süden hoffen die Konservativen, so eine Mehrheit gewinnen zu können. Noch kann die Demokratische Partei mit 55 Prozent der Sitze die größten Exzesse verhindern.


Blumen zum 12. Todestag

am 17. Dezember, übersandte die Antiimperialistische Plattform Deutschland einen reich geschmückten Blumenkorb in die Hauptstadt der Demokratischen Volksrepublik Korea, um dem geliebten Führer – Genossen KIM JONG IL – anlässlich seines 12. Todestages die Ehre zu erweisen.

Blumenkorb der Antiimperialistischen Plattform Deutschland

Zusammen mit einem Meer weiterer, imposanter Geschenke, die aus allen Teilen der Welt in Gedenken an KIM JONG IL Pjöngjang erreichten, wurde der Blumenkorb am Großmonument Mansudae vor den Statuen des ewigen Präsidenten KIM IL SUNG und des ewigen Generalsekretärs KIM JONG IL niedergelegt.

Unter den zahlreichen internationalen Kondolenten fanden sich – neben vielen weiteren – das Zentralkomitee der tunesischen Arbeiterpartei, sowie der ehemalige Landwirtschaftsminister der Republik Equatorial-Guinea.

Mitteilung der staatlichen Nachrichtenagentur KCNA

Die Antiimperialistische Plattform Deutschland ist stolz ein Teil dieser unerschütterlichen Front zu sein, die sich trotz des Drucks der US-Imperialisten und ihrer Handlanger und entgegen aller Verleumdungen westlicher Propaganda, bedingungslos solidarisch mit der Demokratischen Volksrepublik Korea und der gerechten Sache des koreanischen Volkes zeigt.


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Aus „Junge Welt“, vom 05. Dezember 2023

Russische Delegation in Niger empfangen

Niamey. Erstmals seit dem Militärputsch im Niger Ende Juli ist eine russische Delegation offiziell in das westafrikanische Land gereist. Die von Russlands Vizeverteidigungsminister Junus-bek Jewkurow geleitete Delegation wurde am Montag von Nigers Staatschef Abdourahamane Tchiani empfangen, wie die Militärregierung im Rundfunk mitteilte. Demnach unterzeichneten beide Parteien im Anschluss an das Treffen »Dokumente zur Stärkung der militärischen Zusammenarbeit«. Am Vortag hatte sich die russische Delegation bereits mit der Militärregierung im Nachbarland Mali ausgetauscht. (AFP/jW)


Erfolgreicher Start des Aufklärungssatelliten „Malligyong-1“

Meldung der Staatlichen Hauptverwaltung für Luft- und Raumfahrttechnik der Demokratischen Volksrepublik Korea zum erfolgreichen Start des Aufklärungssatelliten „Malligyong-1“.

Die Demokratische Volksrepublik Korea vermeldet den erfolgreichen Vorstoß ins All.

Am 21. November 2023 (Juche 112) war es soweit: Im Kreis Cholsan im Bezirk Nord-Phyongan erzitterte um 22.42 Uhr Ortszeit die Erde, als sich mit Tosen und Donnern die neu konzipierte Trägerrakete „Chollima-1“ von der Startrampe Sohae unter den wachsamen Augen des Generalsekretärs der PdAK und Vorsitzenden für Staatsangelegenheiten der DVR Korea – KIM JONG UN – in den Himmel erhob. An Bord, der hochmoderne Aufklärungssatellit vom Typ „Malligyong-1“.

Exakt 705 Sekunden – um 22.45 Uhr und 13 Sekunden – nach dem komplikationsfreien Start der Trägerrakete, konnte der Satellit auf seine planmäßige Flugbahn entlassen werden, und kreist nun im Orbit um die Erde.

Gemeinsam mit Marschall KIM JONG UN überwachten auch der stellvertretende Abteilungsleiter des ZK der PdAK – Genosse Kim Jong Sik – und der Leiter der Hauptverwaltung für Luft- und Raumfahrttechnik – Genosse Jang Chang Ha – den reibungslosen Ablauf an der Startrampe.

Nach dem gelungenen Start teilte KIM JONG UN allen beteiligten Kadern, Wissenschaftlern und Technikern seine herzlichsten Glückwünsche mit, und drückte seinen tiefempfunden Dank aus. Die am Satellitenstart beteiligten Genossen – so KIM JONG UN – haben sich um die Verteidigung des koreanischen Vaterlandes besonders verdient gemacht, und einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung der Beschlüsse des VIII. Parteitages der PdAK geleistet.

Die Eroberung des Alls ist das unverbrüchliche Recht eines jeden freien Volkes – so auch der Demokratischen Volksrepublik Korea. Insbesondere in Zeiten, in denen der US-imperialistische Aggressor, gemeinsam mit seinen willfährigen Marionetten, immer unverschämter mit den Säbeln rasselt, ist der Start des Aufklärungssatelliten „Malligyong-1“ ein deutliches Signal und ein wirksames Mittel zur Stärkung der Verteidigungsbereitschaft der DVR Korea. Mit Hilfe des Satelliten lassen sich feindliche Aktivitäten im In- und Umland in vollem Umfang aufklären. Die daraus gewonnen, wertvollen Informationen ermöglichen es den Streitkräften der ruhmreichen Koreanischen Volksarmee noch schneller und gezielter auf potenzielle Angriffe zu reagieren.

Die Hauptverwaltung für Luft- und Raumfahrttechnik kündigte derweil an, zur 9. Plenartagung des ZK der PdAK in der VIII. Wahlperiode einen Plan vorzulegen, nachdem weitere Aufklärungssatelliten gestartet werden sollen, um das Operationsgebiet der Streitkräfte weiter auszudehnen.

Die Antiimperialistische Plattform Deutschland gratuliert dem koreanischen Volk und seinem obersten Führer KIM JONG UN von ganzem Herzen zum erfolgreichen Satellitenstart.


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Aus „Junge Welt“, vom 4. Dezember 2023

Gefängnis wegen Gedicht

Südkorea: 68jähriger aufgrund »nordkoreafreundlicher« Aussagen verurteilt

Von Martin Weiser, Seoul

Es ist eine harte Strafe: 14 Monate Haft ohne Bewährung für den 68jährige Südkoreaner Lee Yun Seop. In erster Instanz wurde er dazu am vergangenen Montag verurteilt. Der Grund: das Verfassen und Verbreiten »nordkoreafreundlicher« Äußerungen im Internet. Die Rechtsgrundlage dafür ist das weltweit kritisierte Nationale Sicherheitsgesetz, das seit 1948 jedwede nordkoreafreundliche Äußerung unter Strafe stellt und auch für die Zensur der nordkoreanischen Medien im Süden missbraucht wird.

Laut der südkoreanischen Nachrichtenagentur Newsis begründete der Richter das »milde« Urteil mit dem Alter und Gesundheitszustands des Angeklagten. Auf der Basis des herangezogenen Artikels 7 können Menschen bis zu sieben Jahre weggesperrt werden. Noch zwei Wochen zuvor hatte das UN-Komitee für Menschenrechte betont, dass eben jener Artikel im Sicherheitsgesetz das Internationale Abkommen für bürgerliche und politische Rechte verletzt. Laut mehreren Medienberichten saß Lee bereits zehn Monate für Ähnliches im Gefängnis.

Nur wenige Details der als problematisch angesehenen Texte sind bisher öffentlich geworden. So soll Lee schon 2013 einen südkoreanischen Artikel zum Militär des nördlichen Nachbarn »nordkoreafreundlich« kommentiert haben. Die nächsten vier Jahre soll er dann 72 »staatsfeindliche« Texte oder Kommentare auf südkoreanischen Seiten hochgeladen oder in seinem E-Mail-Postfach gespeichert haben. Zusätzlich soll er auf der nordkoreanischen Internetseite »Uriminzokkiri« Kommentare, wie etwa »Hoch lebe Kim Jong Un«, der derzeitige Staats- und Parteichef, hinterlassen haben. Diese Seite wird, wie die meisten nordkoreanischen Internetseiten, in Südkorea zensiert und lässt sich nur über eine VPN-Verbindung erreichen.

Der Text, der in den südkoreanischen Medien die meiste Aufmerksamkeit erhielt, war jedoch ein Gedicht. Dieses hatte der Poet im September 2016 auf »Uriminzokkiri« als Leserkommentar veröffentlichte und damit sogar einen Wettbewerb der Internetseite gewonnen. Dass er dieses Gedicht dann auch auf einer südkoreanischen Seite veröffentlicht hat, wird ihm ebenfalls angekreidet. Der Text kann heute noch auf der nordkoreanischen Internetseite eingesehen werden und wurde bisher nur rund 4.500 Mal aufgerufen. In den vier Strophen findet sich aber weder eine Verehrung der nordkoreanischen Führung noch eine anderweitige Bedrohung der südkoreanischen Gesellschaftsordnung. Man könnte dem Text nur vorwerfen, utopische Vorstellung des Nordens auf ein zukünftiges vereinigtes Korea zu projizieren: mietfreies Wohnen, keine Einkommenssteuer, ein Recht auf Arbeit, kostenlose Gesundheitsversorgung und Bildung, sowie keine Prostitution und weniger Selbstmorde. Südkorea hat eine der höchsten Selbstmordraten der Welt, und obwohl Prostitution offiziell illegal ist, ist sie weit verbreitet.

Das Gedicht ruft auch nicht dazu auf, die freiheitliche Grundordnung abzuschaffen oder dass alle US-Streitkräfte abziehen und Militärübungen beendet werden, was in Südkorea gerne als »pronordkoreanisch« verunglimpft wird. Nach einer Aufzählung der Menschenrechte, die nach einer Wiedervereinigung realisiert werden würden, schließt es nur mit dem Aufruf an die Südkoreaner, für die Wiedervereinigung zusammenzuhalten und sich nicht durch »fremde Kräfte und Verräter« entmutigen zu lassen.

Hier ist allerdings der Kontext entscheidend. Im Jahr, als Lee das Gedicht verfasste, regierte noch die südkoreanische Diktatorentochter Park Geun Hye, die erst im März 2017 aus dem Amt gejagt und wegen Machtmissbrauchs und Korruption zu Jahrzehnten Gefängnis verurteilt wurde. Im Februar 2016 hatte sie den Abzug aller Südkoreaner aus der Wirtschaftszone Kaesong angeordnet, was dem einzig verbliebenen innerkoreanischen Wirtschaftsprojekt ein jähes Ende setzte. Im Juli desselben Jahres folgte die Erklärung, dass Südkorea das Raketenabwehrsystem THAAD der USA aufstellen werde, um sich gegen nordkoreanische Raketenangriffe zu schützen. Dies wurde von China und anderen Ländern scharf kritisiert und kann als einer der Gründe gelten, warum Nordkorea seitdem sein Raketenprogramm intensiv vorangetrieben hat.


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Aus „Junge Welt“, vom 23.Oktober 2023

Nagende Kritiker des Tages: jW-Redaktionsmäuse

Von Arnold Schölzel

Mäuse mögen Medien oder umgekehrt: Die am Computer bevölkern weltweit alle Redaktionen, und in der ARD klärt eine orangefarbige Maus auf, woher die Löcher im Käse kommen. Neuerdings hat auch die jW-Redaktion welche: echte. Was bedeutet: Zur Aufklärung über globale Mausprobleme tragen sie nichts bei, es geht aber sofort um die soziale Frage – bei jW nicht anders denkbar. Jedenfalls sagt es viel über die kirchenmausartigen Zustände in Berlin-Mitte aus, wenn sich die armen Nager bis in die sechste Etage des Gebäudes Torstraße 6 quälten, um dort unter schwierigen Umständen – hohe Tische, blöde Schubladen und kalorienarme Papieraufhäufungen – zunächst die Teeküche und inzwischen alle Räume nach Nahrhaftem zu durchsuchen. Mit wechselndem Erfolg, aber allerhand Hinterlassenschaft: In der Chefredaktion wurde triumphal Schokolade erobert – ein Fest. Jedoch schon in der Herstellung verhinderte Hartplastik den Erdnussgenuss. Der Mausezahn, der Mausezahn hat wahrscheinlich weh getan. In der Außenpolitik stand – typisch – eine heimtückische Lebendfalle. Dauerbeschäftigung mit dem »Geistlosen in der Politik« (Peter Hacks) färbt eben. Im Staatenäußeren ist der Pakt mit dem Teufel die Regel, sind Heimtücke und Treubruch tägliches »Brot«.

Gäbe es marxistische Mäuseschulung in diesem Land, in dem schon die für Menschen eine mit Gold aufzuwiegende Rarität ist, wüssten die Menschenfolger, dass Festgenageltsein aufs nahrungslos Schriftliche schon immer ein Synonym für Linke ist. Karl Marx gestand 1859 ein, er und Engels hätten das fette Manuskript der »Deutschen Ideologie« von 1845 »der nagenden Kritik der Mäuse« überlassen, weil der Zweck, »Selbstverständigung«, erreicht worden sei. Nährwertfrei für Mäuse. Heißt für die jW-Redaktionsmäuse: Die bittere Einsicht nicht mehr nur interpretieren, sondern Berlin-Mitte woanders verändern.


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Aus „Junge Welt“, vom 16.November 2023

Bedrohte Art des Tages: Camembertschachtel

Von Arnold Schölzel

Normiert die EU Nahrungsmittel, gibt’s Müll. Alte Apfelsorten werden durch aufgeschäumte Chemieballons der Marke »Gelber Grässlicher«, krumme Gurken durch grüne Gewächshauswassersäcke ersetzt. Sogenannte Erdbeeren – rot angestrichene fahle Ekelrüben – werden von Sklaven in Südspanien gepflückt und Tausende Kilometer durch EU-Europa gekarrt. Lebendiger Rohmilchkäse musste den mit »Käse« beschrifteten Bakterienleichen weichen usw. Eingehüllt wird alles zumeist in Plastik, dessen Produktion weltweit – wie in dieser Woche von der UN-Konferenz dazu in Kenia zu erfahren war – seit 2002 auf 400,3 Millionen Tonnen verdoppelt worden ist. Kapital kann die Erde und den Arbeiter nicht schnell genug untergraben.

Also dachte sich die EU-Kommission: Verpackung aus Naturprodukt ist von Übel. Am Mittwoch schlugen die französische Lacroix-Gruppe, die den EU-Markt für Käseverpackungen beherrscht, und die EU-Ministerin Frankreichs, Laurence Boone, Alarm: Nach dem Willen Brüssels sollen bis 2030 alle Verpackungen recycelbar sein, was das Ende der traditionellen Camembertschachtel bedeuten würde. Denn die ist traditionell aus Pappelholz und dafür gibt es keine Sortiermaschinen. Camembert ist zwar der in Frankreich meistgekaufte Käse, aber EU-weit machen Holzschachteln nur 0,001 Prozent aller Lebensmittelverpackungen aus. Daher, so die Lacroix-Lobbyisten, kostet das Aussortieren einer Tonne Holz 200 Mal mehr als das einer Tonne Glas. In Frankreich hängen an Käseschachteln 2.000 Arbeitsplätze in 45 Unternehmen. Zudem: Die geschützte Ursprungsbezeichnung (AOP) Camembert de Normandie schreibt eine Holzverpackung vor und der Mont d’Or, ein Käse aus dem Jura, benötigt eine Schachtel aus Fichtenholz, die das Ende der Reifung sicherstellt und ihm einen besonderen Geschmack verleiht. Käsefreunde und -arbeiter aller Länder, vereinigt euch!


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Aus „Junge Welt“, vom 19. Oktober 2023

Vorbild des Tages: Thomas Sankara

Von Jörg Tiedjen

Nicht nur für Frankreich war er eine bedeutende Persönlichkeit: der General Charles de Gaulle, der maßgeblich dazu beitrug, dass das Land zu den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs zählte – und nicht zuletzt seinen Einfluss auf seine ehemaligen Kolonien bis heute wahren konnte. Kein Wunder, dass das Andenken an de Gaulle auch dort erhalten blieb. Zum Beispiel mit der Benennung von Straßen. In Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos, war zum Beispiel die zentrale Verkehrsader nach ihm benannt: Boulevard Charles de Gaulle.

Sie war es, jahrzehntelang, doch nun sind anscheinend die alten Zeiten vorbei. Denn am Sonntag wurde die Straße feierlich umbenannt, wie die Infoseite Afrik.com am Mittwoch mitteilte. Sie heißt jetzt nicht mehr nach dem Führer des »Freien Frankreich«, sondern dem unbestrittenen Helden des Sahelstaats: Thomas Sankara. Der war am 15. Oktober 1987 unter der Regie Frankreichs und seines früheren Mitstreiters Blaise Compaoré gestürzt und ermordet worden, nachdem er in wenigen Jahren das frühere Obervolta aus der neokolonialen Unterdrückung geführt hatte. Auch der Landesname Burkina Faso, Land der Aufrichtigen, stammt von ihm.

Lange war Sankaras Andenken zwar nicht vergessen, aber doch verdrängt. Das hat sich unter dem gegenwärtigen Präsidenten Ibrahim Traoré gründlich geändert, der wieder in die Fußstapfen Sankaras tritt und Frankreich herausfordert. Nicht nur mit Worten, indem er etwa fragt, wie es sein kann, dass die alte Kolonialmacht in ihren Tresoren über riesige Goldvorräte verfügt, während Afrika, woher ein Großteil des Edelmetalls stammt, arm ist. Sondern ganz handfest, indem er zum Beispiel das Militär der früheren Kolonialmacht des Landes verwies und mit den Nachbarn Mali und Niger ein Verteidigungsbündnis schloss. Den Kräften der Vergangenheit wird kein Fußbreit mehr geschenkt.